Auf Spurensuche – Die Künstlerin Stefanie Grohs reist in die Vergangenheit

Die junge Frau verschwindet fast in der Flohmarktkiste. Dann taucht sie wieder auf, hält ein paar alte Zeitschriften in der Hand und strahlt. Stefanie Grohs weiß vorher nie genau, wonach sie sucht. Aber immer haften den Fundstücken der 35-jährigen Künstlerin und Lehrerin der Charme des Verblichenen an.

„Mich faszinieren Dinge, die eine Geschichte haben“, sagt Grohs mit einem kleinen Leuchten in den Augen. Sie steht in dem Atelier in der Ostparkstraße, das sie sich mit einem Künstlerkollegen teilt. All ihre kleinen Schätze hat sie ordentlich in Schubladen und Kästen verstaut und beschriftet. Hier schnippelt sie akribisch Arme, Beine, Menschen, siebziger Jahre Fernseher oder Trockenhauben aus.  Auf einem Schrank stehen fein aufgereiht unzählige alte Postkarten.  Aus den Zeitungsschnipseln entstehen später ihre Collagen. Bilder, in denen die Welt auf den Kopf gestellt scheint. In denen die Dinge nicht mehr ihre ursprüngliche Bedeutung haben. Dann platziert sie auch mal zwei ausgediente Sessel vor einer Gebirgslandschaft. Wie ein altes Ehepaar stehen sie dort, in stiller Zweisamkeit. Man ist augenblicklich amüsiert über die wunderlichen Zusammenhänge, die die in Gießen geborene und aufgewachsene Grohs erschafft. Aber ihre nostalgisch anmutenden Fotocollagen haben immer auch eine andere Ebene. Eine ganz zarte Ironie, ein Hauch Wehmut, eine leise Kritik. „In unserer modernen Gesellschaft steckt noch viel Altbackenes“, ist sich Grohs sicher.

Sie selbst befindet sich in einem ständigen Zustand des Hin- und Hergerissenseins. Ein Thema, das immer wieder im Gespräch mit ihr auftaucht. Die ehemalige Kunstpädagogikstudentin  wusste selbst lange nicht „wohin mich mein Leben führt“. Irgendwann spürte sie deutlich, dass die Kunst eine größere Rolle spielen muss. 2007 entschied sie sich deshalb nach Frankfurt zu gehen. Sie studierte als Gast an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und besucht die Abendschule am Städel.

Grohs ist eine Spurensucherin. Mit ihrem neusten Projekt „Martha und Marianna“ hat sie sich in die eigene familiäre Vergangenheit begeben, ist nach Tschechien gereist, auf den Spuren ihrer Großeltern. Ihre Großmutter wurde nach dem Krieg aus dem Sudetenland zwangsausgesiedelt, der Großvater war in Kriegsgefangenschaft. Als sie die Briefe las, die zwischen den beiden hin- und hergingen, „konnte ich den Schmerz körperlich spüren“. Den Schmerz des Verlustes, der totalen Entwurzelung, der Heimatlosigkeit. Zur gleichen Zeit hat sie aber auch ein anderes Schicksal tief berührt. Als sie in Auschwitz war, stieß sie auf die Geschichte der polnischen Kriegsgefangenen Marianna. „Ich war hin- und hergerissen zwischen den beiden Geschichten“, so Grohs. Auf der einen Seite spürte sie die Scham zum Tätervolk zu gehören, zum anderen aber auch den Schmerz der Großelterngeneration, die wegen dem Krieg alles verloren hat. Da ist sie wieder, Grohs Zerrissenheit. Es gehe ihr nicht um Vergleiche, sagt sie nachdrücklich. Aber das Schicksal ihrer Großmutter Martha und der Polin Marianna gehörten für sie „irgendwie zusammen“. Ein heikles Thema, dessen ist sich Grohs bewusst. „50 Jahre! Statt Höhepunkt: bettelarm, heimatlos, Gefangener!“ steht eingeritzt auf einer Schiefertafel, die in ihrem Atelier hängt. Worte, die einst ihr Großvater aus der Gefangenschaft an ihre Großmutter schrieb. Grohs hat nach langer Suche eine sensible Form gefunden, um den beiden Geschichten ein Gesicht zu geben. Sie hat Zitate in mühevoller Handarbeit auf alte Stoffbeutel gestickt, eingraviert auf Glas und in Schiefertafeln. Damit hat sie die Worte manifestiert, für immer festgehalten. „Ich wollte, dass beide Geschichten nicht in Vergessenheit geraten“, so Grohs.

Melanie Luke, 2010

 

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