Ausstellung im Deutschen Werkbund Frankfurt

Vroni Schwegler hielt im November 2013 die Einführungsrede zur Gemeinschaftsausstellung 1+1 = 3 mit Saskia Noelle Kaiser im Deutschen Werkbund in Frankfurt. Vroni Schwegler ist nicht nur Künstlerkollegin, sondern auch vertrauensvolle Beraterin in künstlerischen Fragen und war zweitweise meine Lehrerin an der Abendschiule der Städelschule. – Die vollständige Einführung finden Sie hier:

Stefanie Grohs, geboren 1974 in Gießen, studiert von 1995-2000 Kunstpädagogik und Lehramt an der Justus-Liebig-Univeristät in Gießen. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin, widmet sich ab 2006 der künstlerischen Weiterbildung: Sie studiert als Gast bei Lucie Beppler an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Fotografie bei Martin Liebscher an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Zwischen 2007 und 2010 besucht sie die Abendschule der Städelschule. Daher kennen wir uns.

Stefanie Grohs hat in den letzten Jahren ihre Arbeiten in verschiedenen Galerien und Ausstellungsräumen präsentiert, u.a.im Frankfurter Kunstblock 2012, Im Ei, Aschaffenburg 2011 und regelmäßig zu den open doors im Atelier in der Ostparkstraße. 2014 wird sie unter dem Titel „mitten unter uns“ in einer Reihe des Frankfurter Kulturamts ein Projekt zum Gedenken an die Häftlinge, die in den Jahren 1944 und 45 in den Adlerwerken Zwangsarbeit verrichten mussten, realisieren. Immer wieder setzt sich Steffi Grohs mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander und spürt seinen Folgen bis in die Gegenwart nach.

Angemerkt an dieser Stelle sei, dass, als wir die Auswahl der Arbeiten für diese Ausstellung vornahmen – übrigens zusammen mit dem Frankfurter Künstler Holger Hermann – gerade die NSU Prozesse in München aufgenommen wurden. Vor diesem Hintergrund gewannen die Arbeiten besondere Aktualität.

Hier im Werkbund zeigt die Künstlerin zwei Werkgruppen:

An„Eine Nummer von vielen“, arbeitet die Künsterlin seit 2010 und „Die Kinder“ ist eine kleinere Werkgruppe, die Stefanie Grohs 2012 realisiert hat.

Wir sehen kleine gerahmte Bilder, s/w Fotografien, die offensichtlich manipuliert wurden. Es sind Fotos von Menschen die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurden. Bilder, wie sie jeder kennt. Sie zeigen Menschen, die wissen, dass sie fotografiert werden und die sich so zeigen, wie sie erinnert werden wollen.

Drei Frauen sind schön gekleidet, haben die Beine übereinandergeschlagen und zeigen sich in vorteilhafter Dreiviertelansicht. Das Kind hält eine große Puppe und übt im Spiel die Mutterrolle, Vater und Sohn stehen würdig beieinander, später wird der kleine auch so groß sein, wie der Papa.

Eine gewisse Selbstgewissheit spricht aus dem Bildern. Alles scheint so zu sein, wie es sich gehört, aber:

Teile der Bilder wurden mit beigefarbender Acrylfarbe übermalt: Den Figuren fehlen Köpfe und Hintergründe. Übrig geblieben sind Kleider, Hände und Füße. Kopflose Gestalten stehen isoliert im leeren Raum. An die Stelle des Gesichts wurde eine sechsstellige Nummern gestempelt.
Das Gesicht ist wohl in allen Kulturen, das Zeichen für die unverwechselbare, eigene Identität. Die Gestalten in den Bildern haben nicht nur das „Gesicht verloren“, das hieße ja nur, dass eine Rolle fadenscheinig geworden ist. Hier fehlt mehr.

Wir wissen, dass den Häftlingen in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus sechsstellige Nummern zugewiesen wurden mit denen sie sich, statt mit ihrem Namen melden mussten. In Auschwitz wurden diese Nummern sogar tätowiert.

Stefanie Grohs adressiert das Thema Holocaust nicht direkt. Nur über Umwege gelangt es in unser Bewusstsein. Es wird zugänglich, weil wir angesichts dieser Bilder nicht vor Schreck in Schock und Abwehr verfallen. Im Gegenteil, eben, weil Steffi Grohs nichts direkt zeigt, sondern nur die Assoziation ermöglicht, werden wir neugierig angezogen und beginnen zu rätseln: Wer waren diese Menschen? Wurden sie wirklich verfolgt?

Nein, es sind fiktive Bilder. Wie skrupulös Stefanie Grohs vorgeht, zeigt sich, an den gestempelten Nummern. Sie sind leicht verwischt. Künstlich verwischt, wohlgemerkt, nicht etwa aus versehen. Keine Nummer soll lesbar sein und so einer realen Existenz zugeordnet werden können.

Ich frage mich, wie sich das anfühlen mag, so bewusst ein Gesicht zu übermalen und an die selbe Stelle eine Nummer zu stempeln. Darf man das?

Es ist eine Gratwanderung. Die Künstlerin trifft ihre Entscheidung um unseren Blick zu lenken, um uns zu konfrontieren. Sie selbst weiß und spürt sehr genau, wo Grenzen sind. Sie hat mir erzählt, dass sie lange gebraucht hat um mit diesen privaten fotografischen Aufnahmen zu arbeiten. Eben weil die Bilder wirkliche Menschen zeigen, die ein eigenes Schicksal haben.

Wer ihre Arbeit kennt, weiß, dass Stefanie Grohs auch Collagen macht und Bilder, Postkarten vor allem, zerschneidet und neu zusammensetzt. Das konnte sie mit diesen privaten Fotografien nicht tun, sagte sie mir. Und hat dann einen anderen Weg gesucht, um diese Bilder zu bearbeiten. Entdeckt hat sie das Mittel der Übermalung mit Arylfarbe. Meistens deckend, sehr ruhig, sehr sorgfältig. Malen ist ein anderer Vorgang als zerschneiden. Im Malen steckt eine tröstende, eine zärtliche Berührung.

Die grünen Schleifen, die Stefanie Grohs an den Rahmen fixiert, lassen mich an eine Geste der Solidarität denken. So, wie Schleifen zum Welt Aids Tag getragen werden.

Es tut gut, zu wissen, dass wir es sich hier nicht um ein isoliertes Projekt handelt, um eine einzelne Idee, sondern dass es gewachsene Arbeiten sind, die auf langjähriger Recherche und innerer Auseinandersetzung basieren.

Diese Auseinandersetzung hat ganz bei sich, in der eigenen Familie begonnen. Ich möchte das hier kurz skizzieren:

Gießen, wo Stefanie Grohs geboren wurde, war das zentrale Flüchtlings Durchgangslager in Großhessen nach dem zweiten Weltkrieg. Für Steffi Grohs ist das von Bedeutung, weil ihre Großmutter selbst als Flüchtling in den Westen kommt, während der Großvater in Kriegsgefangenschaft ist. Der Briefwechsel der Großeltern, der schmerzvolle Erfahrungen und Verluste dokumentiert, war ein wichtiger Ausgangspunkt für Steffi Groß Arbeit.

Aus dem Briefwechsel der Großeltern hat sie Zitate gewählt und sie in Handarbeit auf Stoffbeutel gestickt und in Glas graviert. So gibt sie den subjektiven Erfahrungen feste Form, macht sie haltbar und teilt sie einem größeren Publikum mit. Die Künstlerin Stefanie Grohs hat es sich zur Aufgabe gemacht Erinnerungen zu bewahren.Sie geht dabei vom Einzelfall aus und schließt von da auf größere Zusammenhänge und kollektive Erfahrungen.

Als ich letzte Woche ihr Atelier in Frankfurt besuchte, bekam das etwas abgenutzte Wort „Erinnerungsarbeit“ für mich einen neuen, einen konkreten Sinn:

Denn es ist Arbeit, Objekte zu sammeln, sie zu ordnen und immer wieder zu sichten, damit sie sie dann, wenn es darauf ankommt, greifbar sind. In Stefanie Grohs Atelier gibt es unzählige Schubladen und Schachteln, die ihr bei der Haushaltsauflösung der Wohnung der Großeltern in die Hände gefallen sind. Schachteln, Keksdosen und Zigarrenkisten mit Knöpfen und Schrauben und Rahmen und Haken und Ösen und Stifte und Wäscheband. Bescheidene, alltägliche Zeugnisse der Nachkriegsgeneration und ihrer Werte. Ein Alptraum für die Anhänger der Neo- Feng- Shui Bewegung.

Lange hat Stefanie Grohs die Dinge einfach nur aufgehoben. Erst Jahre später hat sie begonnen mit den Gegenständen zu arbeiten. Eine Initialzündung mag der Besuch der Sommerakademie in Dresden gewesen sein, wo sie mit Marion Eichmann erstmals mit dem Mittel der Collage gearbeitet hat.

Seither kann sie aus ihrer Sammlung schöpfen, die Objekte verwenden und so wie Sie es hier in der Ausstellung sehen, verschiedene Stoffe zusammenbringen. Manche Dinge liegen lange, bis Steffi Grohs sie hervorholt und damit arbeitet. Die einzelnen Komponenten müssen genau zueinander passen. Nichts darf oberflächlich sein oder formal herausplatzen. Alles muss stimmen.

Zu den Objekten, die sie aus dem familiären Erbe hat, kommen Bilder und Alben, die sie auf dem Flohmarkt oder Sperrmüll findet, und die ihr geschenkt werden. Oft muss Stefanie Grohs auswählen und kann aus Platzgründen nur Teile von Objekten, stellvertretend aufbewahren: Von den letzten Bänden, die aus der sehr großen Bibliothek des Großvaters übrig sind, bewahrt sie nur die leinenbezogenen Umschläge, in die der Großvater jeweils innen eine Inventarnummer gestempelt hatte. Diese Umschläge hat sie gelocht und sie dienen jetzt als Unterlage für die Arbeit: „die Kinder“, die sie hier auch sehen.

Stefanie Grohs ist mit diesen Arbeiten etwas wunderbares gelungen. Optisch und auf den ersten Blick fügen ich die Bilder in die aktuelle Retro-welle ein. Viele Künstler und Designer arbeiten grade mit alten Stoffen. Aber bei Steffi Grohs kommt etwas anderes dazu: Bei aller Sorgfalt, die diese Bilder schön macht, sind sie auch beunruhigend und stellen existentielle Fragen. Was bleibt, wenn einer stirbt? Welche Dinge lohnt es aufzuheben? Wie viel Energie, Zeit und Kraft, wollen wir der Erinnerung widmen?

Es passt nicht schlecht, dass die Katholische Kirche morgen Allerseelen feiert und die Evangelen den Ewigkeitssonntag, den Tag an dem die Gläubigen an die Gräber gehen und diese gesegnet werden. Eigentlich ein wichtiges Fest, das nachdenklich macht. Aber natürlich ist Haloween ungleich populärer.

Vielleicht können Bilder, wie Stefanie Grohs sie macht, eine kulturelle Lücke schließen helfen. Man kann diese kleinen Bilder kaufen, bei sich in der Wohnung haben und sich von ihnen in produktiver Weise beunruhigen lassen. Einen Teil des Erlöses spendet die Künstlerin an die Gedenkstätte in Auschwitz.

Vroni Schwegler, 2013

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