Die Collagen von Stefanie Grohs

Vergilbte Schwarzweiß-Postkarten aus Kitzbühel, Abbildungen von Handrührgeräten aus den 50er Jahren, Strumpfhalter tragende Mannequins mit Persil-Lächeln: Wer widmet sich schon einer tiefgründigen künstlerischen Auseinandersetzung mit solchen Dingen?

Der Anthropologe Igor Kopytoff schrieb 1986 in Die kulturelle Biografie der Dinge: „Es ist eine in der Regel nicht ausgesprochene Voraussetzung des westlichen Menschenbildes, den Menschen von den materiellen Dingen abzusondern“. Die Arbeiten der Frankfurter Künstlerin Stefanie Grohs haben sich der Aufgabe angenommen, diese Auffassung Materieller Kultur in der Moderne in Frage zu stellen, um sie letztlich zu unterwandern: Als Enkelkind des Wirtschaftswunders widmet sie sich einer weggeworfenen und vergessenen Objektwelt, die sie sammelt, archiviert und in ihren Arbeiten stilisiert.

Ihr Hauptaugenmerk liegt auf alten Schwarzweiß-Postkarten, die einst ideale Urlaubsziele bebildern. Szenerien an Berg, Wasser oder Stadt liefern die Hintergrundebene für ihre kleinformatigen Collagen der Serie „Suchen und Finden“. Ein immenser Fundus gesammelter Zeitschriften und Magazinen aus den 40er bis 70er Jahren stellt ihr die Objekte für die zweite Ebene der Collagen, mit der die Postkarten in einen neuen Kontext gesetzt werden. So finden Haushaltsgegenstände, Möbelstücke, sowie leicht bekleidete Damen gleichermaßen ihren Platz im Bergpanorama, vor dem Henninger Turm oder Schloss Glücksburg. Nicht zu übersehen ist hier die Tatsache, dass das Innere nach Außen dringen darf: Der biedermeiersche Rückzug in den Privatbereich wird umgekehrt und in die freie Natur versetzt. Der Haushalt dringt nach außen, Beziehungen zwischen den Objekten, zwischen den Menschen und wiederum zwischen Objekt und Mensch werden in den Vordergrund platziert. Hintersinnig wird mit der Wohlstandsgemütlichkeit der Nachkriegszeit aufgeräumt, Gesellschaftsklischees werden durchbrochen.

Grohs` Faible für die Ästhetik jener Zeit ist unschwer zu erkennen – die Materialität, die Haptik, der Geruch und nicht zuletzt die Biografien, die an gefundene Objekte gekoppelt sind, geben Grohs die Inspiration Neues zu schaffen: „Ich finde einfach keinen Zugang zu neuen Materialien – ein Großeinkauf im Künstlerbedarfsladen, neue Leinwände, Farben … all dies inspiriert mich nicht, damit kann ich nicht beginnen.“ Der Respekt vor alten Materialien, und die damit einhergehende Würdigung ihrer Existenz unterstreicht die Künstlerin durch die Eigenart des Produktionsprozesses: Grohs verzichtet auf computergestützte Gestaltungshilfe – ihr Werkzeug beschränkt sich auf Schere, Messer und Instrumente aus der Feinchirurgie, um die präzisen Übergänge zu realisieren. Sie verneigt sich hiermit ebenfalls vor dem heute zumeist vergessenen Akt der Handarbeit. Der Arbeitsprozess gleicht sich damit dem Arbeitsmaterial und der Motivik an und erlaubt ein unmittelbares Zusammentreffen mit dem Ausgangsmaterial.

Stefanie Grohs agiert mehr als Jäger denn als Sammler: Nicht die dauerhaften Eigenschaften  der Dinge sind für sie von Interesse. Sie jagt den Momenten hinterher, die den Umgang und das Handeln mit Objekten aufzeigen. Fixierte Bedeutungen werden durch die Form der Collage gründlich auf den Kopf gestellt: Die fein durchdachte geometrische Anordnung, das Spiel mit den Linien, der Positionierung und Umkehrung der Größenverhältnisse lassen die ihrem Kontext entrissenen Dinge eigentümlich erscheinen. Dies kann einerseits zu ihrer totalen Entfremdung führen – spätestens dann, wenn Tante Hiltruds Suppenschüssel wie ein Raumschiff über dem Bockartsee zu schweben scheint.

Andererseits akzeptiert der Betrachter beinahe automatisch, dass die durcheinander gebrachten Dinge dann DOCH zueinander passen und sogar Objekte zu Subjekten werden. So ruhen zwei Sessel, zwei Gestalten gleich, vor einem Bergpanorama. Die Statik ihrer eigentlichen Materialität wird auf subtile Weise überwunden – sie wirken beseelt, besitzen Persönlichkeit, erinnern an ein altes Ehepaar.

Nach anfänglichem Schmunzeln des Zuschauers wird sich auch eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Rezeption einstellen. Im wirren Durcheinander von gestrigen Dingen, altmodisch gekleideten Damen, antiquierten Gegenständen, eben verblichenen Motiven präsentiert Grohs ganz zeitlose Themenfelder: Das Bergpanorama vermittelt einen Hauch von Einsamkeit und Trauer, die Suppenschüssel scheint jegliches Konsumverhalten zu belächeln, in der stumpfen Zurschaustellung des weiblichen Körpers spiegeln sich Voyeurismus und die Objektivierung der Frau, Beziehung und Beziehungslosigkeit gipfeln im Arrangement von Henninger Turm und Kaffeekanne.

Der Betrachter wird nicht unbedingt das finden, wonach er sucht – und genau deswegen lohnt es sich, auf die Suche zu gehen.

Sonja Clemente, 2009

 

 

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