Eine Nummer von vielen

Das Mädchen auf dem alten vergilbten Foto trägt ein Sommerkleid, im Arm hält sie einen Blumenstrauß. Ein anderes Bild zeigt drei nebeneinander sitzende Frauen, die Beine übereinander geschlagen. Eigentlich schöne Erinnerungsfotos an glückliche Tage. Aber der Betrachter ist irritiert. Denn die Personen haben kein Gesicht, schweben im Nirgendwo, wie Geister, wie Schatten ihrer Selbst, ohne Identität. Und genau das ist das Thema der Künstlerin Stefanie Grohs. Ihre Arbeiten zu dem Titel „Eine Nummer von vielen“ setzen sich mit dem Thema des Identitätsverlustes in der Großelterngeneration auseinander. Diese Generation war und ist gezeichnet von Krieg, Vertreibung, Verlust, Deportation. Die Menschen wurden durch den Lauf der Geschichte ihres Lebens, ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität beraubt. Der Nationalsozialismus machte Menschen zu Nummern, diese Entwicklung gipfelte in der Nummerierung der KZ-Häftlinge, denen keine eigene Identität mehr zustand. Sie waren nur mehr eine Nummer von vielen. Die Künstlerin erzeugt einen Moment der Überraschung durch das Unterlaufen der gängigen Ordnung. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Betrachter, dass hinter der ersten, visuellen Irritation eine vielschichtige Doppeldeutigkeit versteckt ist.

Grohs schafft es auf sensible Art in ihrer Werkreihe auf dieses Verschwinden aufmerksam zu machen. Sie sammelt alte Schwarz-Weiß-Fotografien aus Familienalben längst vergangener Zeit, auf Flohmärkten und aus Haushaltsauflösungen. In mehreren Schritten lässt sie mit Acrylfarbe Schicht für Schicht die Gesichter der Menschen und deren Umgebung auf den Fotografien verschwinden und ordnet ihnen am Schluss eine fiktive Nummer zu. Letztere sind bewusst verwischt, da sie nicht auf real existierende Nummern verweisen sollen. Zurück bleiben ein leeres Kleid, dessen Arm eine Puppe hält, drei Männer im Zwiegespräch ohne Gesicht, drei Freundinnen im Nichts schwebend, ohne Identität. Schon der Vorgang des „Verschwinden lassens“, des „Ausradierens“ ist Teil des künstlerischen Prozesses. Grohs lässt die Menschen unsichtbar werden „wie es die Geschichte getan hat“. Und genau in diesem bewussten und zugleich behutsamen Prozess des Auslöschens steckt als Umkehrschluss das Andenken an die Verschwundenen. Was wie ein Widerspruch erscheint, wird hier zum respektvollen Gedenken an die Personen auf den Fotografien. Mit diesem künstlerischen Akt verschwinden die Menschen auf den Bildern für immer, denn es gibt keine Repliken, nur das Original. Grohs‘ Anliegen ist es, auf die persönlichen Schicksale hinter den weißen Schatten, den Nummern aufmerksam zu machen und in der Erinnerung der noch Lebenden zu bewahren, aber auch diesen Teil der Menschheitsgeschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Stefanie Grohs‘ Bedürfnis sich mit diesem Kapitel des 20. Jahrhunderts auseinander zu setzen, wurde durch ein Projekt in der Gedenkstätte Auschwitz geweckt. Sie stieß auf das Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen Marianna, deren Geschichte sie tief berührt hat. Aber auch die Spurensuche in ihrer eigenen familiären Vergangenheit hat sie für das Thema sensibilisiert. Sie las die Briefe ihres Großvaters aus der Kriegsgefangenenschaft, die er an ihre Großmutter schrieb. Auf allen Seitenspürte sie den Schmerz über den Verlust eines eigenen selbstbestimmten Lebens bis hin zum vollkommen Auslöschen einer eigenen Identität durch den Lauf der Geschichte. Dies zu thematisieren, ohne Wertung oder Vergleiche, nur auf der persönlichen Ebene des Verlustes, ist der Künstlerin mit diesem Projekt ein wichtiges Anliegen.

Melanie Luke, 2013

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