Was bleibt im Ausstellungsraum Becker

Zur Eröffnung der Ausstellung „Was bleibt“ hat Vroni Schwegler einführende Worte gesprochen. Den Text dazu finden Sie hier.

Liebe Besucherinnen und Besucher, lieber Ralf Becker und liebe Steffi,

willkommen hier in Oberrad, willkommen im Zuhause von Ralf Becker, der seit sechs Jahren zwei Mal im Jahr seine Wohnung in eine Galerie verwandelt, und dann hier Werke von Künstlerinnen und Künstlern zeigt.

Angeblich handelt es sich hier um die „Die kleinste Galerie Frankfurts „. Das stimmt ganz sicher, wenn man nur die Kabine neben dem Eingang als eigentlichen Ausstellungsraum definiert. Sie finden aber auch weitere Bilder im „Wohnzimmer“, und in der Diele. Und wenn man im kleinen Format arbeitet, so wie Stefanie Grohs das tut, das kann man hier schon eine ganz umfangreiche Ausstellung zeigen.

Ich selbst heiße Vroni Schwegler und freue mich, dass ich Ihnen heute Arbeiten der Frank-furter Künstlerin Stefanie Grohs vorstellen darf. 

Stefanie Grohs ist in Gießen geboren und hat dort von 1995 bis 2000 Kunstpädagogik und Lehramt an der Justus-Liebig-Univeristät studiert. Anschließend hat sich sich neben ihrer Arbeit als Lehrerin konsequent künstlerisch weitergebildet. Sie war ab 2006 Gast bei Lucie Beppler an der Justus-Liebig-Universität Gießen und sie hat Fotografie bei Martin Liebscher an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert. 2007 ist sie nach Frankfurt gezogen und hat dort bis2010 die Abendschule der Städelschule besucht. Daher kennen wir uns.

Hier in Frankfurt ist Stefanie Grohs, die ich Steffi nennen darf, längst keine Unbekannte mehr. Sie zeigt ihre Arbeiten regelmäßig zu den Open Studios in der Ostparkstraße, und in Galerien und Ausstellungsräumen z.B. 2011 Im Ei, Aschaffenburg, 2012 im Frankfurter Kunstblock und 2013 im Foyer des Werkbunds Frankfurt.

Besonders erwähnen will ich das Projekt „mitten unter uns“, das Stefanie 2015 im Rahmen einer vom Kulturamt der Stadt Frankfurt initiierten Reihe realisiert hat. Zum Gedenken an die Häftlinge, die im KZ- Außenlager Adlerwerke im Gallusviertel in den Jahren 1944 und 1945 Zwangsarbeit verrichten mussten, hat Stefanie eine temporäre Installation geschaffen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Binden aus diesem besonderen gestreiftem Stoff, der an Häftlingskleidung erinnert, die an vielen Stellen in der Stadt an Bäumen befestigt wurden? 1600 waren es, für jeden der Häftlinge eine, die Steffi damals genäht und im öffentlichen Raum befestigt hat um auf diese Weise für einige Monate (ebenso lang, wie das Lager Bestand hatte) erstmals hier in der Stadt an die Häftlinge zu erinnern und sie symbolisch sichtbar zu machen. Die Installation und Aktion ist unter dem Titel „mitten unter uns“ im Netz dokumentiert. Sie können Sie dort ansehen.

Diese sehr große, aufwändige Arbeit, an der sich zeitweilig bis zu 360 Helfer beteiligt haben, entspringt im Wesentlichen einem ganz persönlichen Zugang, der biographisch geprägt ist und der über viele Jahre intensiver Auseinandersetzung gereift ist.

Ich möchte davon kurz erzählen:

Steffi Grohs „Erinnerungsarbeit“ hat nämlich auf intime Weise, ganz bei sich, in der eigenen Familie begonnen. Sie beginnt (bezeichnender Weise) mit einer Leerstelle im Gefüge der Erinnerungen, nämlich mit der Großmutter. Stefanie Grohs hat sie nur flüchtig kennen gelernt, so dass sie sich, wie sie selbst sagt, kaum an sie erinnern kann. Diese Großmutter kam nach dem Krieg als Vertriebene in einem Durchgangslager in Gießen an, während ihr Ehemann in russischer Kriegsgefangenschaft blieb. Der Briefwechsel dieses Paares aus der Nachkriegszeit blieb erhalten und Steffi bekam ihn von ihrem Vater geschenkt. Im Rahmen von dessen Wohnungsauflösung gingen noch viele andere Dinge aus dem Haushalt der Großeltern in ihren Besitz über.

Was tut man mit einem solchen Erbe? Das ist eine Frage, die sich Stefanie Grohs seither stellt und auf die sie immer neue Antworten findet.

Im konkreten Fall hat sie die Briefe aufgehoben und gelesen. Später hat sie Zitate ausgewählt, und sie in Handarbeit in Stoffbeutel gestickt. Das Sticken geht langsam. So langsam, dass das Gefühl mitkommt, und nicht erdrückt wird, von dem was schwer zu ertragen ist: Trauer, Angst und Not. Jeder Stich ist auch ein symbolischer Stich, wie ein Schmerz, der uns an das Leid der Person, aber auch derer, die ähnliches erlebt haben oder gegenwärtig erleben, erinnert.

Heute ist Steffi Grohs Atelier ein großes Archiv auf sehr engem Raum. Den Grundstock der Sammlung bildet das Erbe der Großeltern, zu dem eben nicht nur das Bündel Briefe gehören. 
Es gibt unzählige Schubladen und Schachteln, die alle sorgfältig beschriftet sind, damit Steffi auf den Inhalt zurückgreifen kann, wenn sie etwas sucht. Bilder und Postkarten sind nach Motiven geordnet und Schlagworten zugeordnet. In alten Keksdosen und Zigarrenkisten sammelt sie Knöpfen und Schrauben, Rahmen, Haken und Ösen, mit weißem Leinenfaden sorgsam umsponnene Knöpfe, Wäscheband und eben auch Fotoecken und Postkartenmasken, wie Sie sie in dieser Ausstellung sehen. 
Alles wurde schon über einen langen Zeitraum sorgsam gehütet, (wer weiß, wann und wozu man es brauchen könnte). Es sind bescheidene Zeugnisse der Kriegsgeneration und ihrer Werte. Dinge, deren Existenz ich schon fast vergessen habe, oder von denen ich noch gar nicht wusste, dass es sie gegeben hat. Die Sorgfalt, mit der die Dinge bewahrt wurden und werden, berührt mich. Deutlich spüre ich den Unterschied, zwischen der Masse der leuchtenden digitalen Bildern, die ich auf meinem Smartphone ansehe und den handtellergroßen Abzügen auf mattem Fotopapier mit dem hübsch gewelltem Rand. Aber Steffi, die dieses Archiv pflegt und seinen Inhalt als Material für ihre Collagen, Assemblagen und Übermalungen nutzt, hat (Gott sei Dank) keine Zeit für Sentimentalität. Das, worauf sie zielt, ist kein wohliges, nostalgisches Schwelgen in der Vergangenheit. Im Gegenteil, es ist eher die Strategie der Verknappung und des Reduzierens, die ihre Arbeit stark macht und die uns zum Nachdenken oder zum eigenen Assoziieren bringt. Sie selbst spricht von einer Verführung, die von dem Material ausgeht, einer Lust immer mehr und immer weiteres zu kombinieren. Dieser Verführung erliegt sie aber längst nicht mehr, sondern sie weiß ihre Mittel sparsam zu dosieren, um damit pointierte Reize zu setzen.

Zu den Objekten die Stefanie selbst ererbt hat, kommen Dinge, die sie auf dem Sperrmüll oder dem Flohmarkt findet. Manches, wird ihr auch geschenkt. Zwei Nachlässe sind ihr in den letzten Jahren übergeben worden. Oft muss sie auswählen und kann aus Platzgründen nur Teile von Objekten stellvertretend aufbewahren.

Als ich Steffi in der Vorbereitung für diese Einführung vor ein paar Wochen besucht habe, sagte sie mir, sie habe gerade etwas geräumt. Eigentlich sei das immer der Anfang einer neuen Arbeit.

Als sie das sagte, hat mich ihr Archiv an ein großes extern gelagertes Gedächtnis erinnert in dem sie Erinnerungsstücke speichert. Wenn da etwas einfach nur abgelegt ist, gibt es keinen Zugriff auf sein Potential. Es wird verfügbar, wenn es verknüpft wird, wenn es verbunden wird und so arbeitet Steffi: Sie wählt aus dem vorhandenen Material Elemente aus, und lässt sie miteinander reagieren.

Manchmal sind es Collagen. Aber nur, wenn Sie mit Postkarten arbeitet. Denn dann sind die Bilder keine Unikate sondern „nur“ Reproduktionen, also Massenware. Solche zerschneidet sie sorgfältig, sortiert die Motive,und fügt sie zu neuen, überraschenden und rätselhaften Szenen zusammen. Der Katalog „Liebe“ zeigt solche poetische und surreale Szenerien. (Und wie immer bei Steffi, werden auch hier Kategorien gebildet, denen die Bilder zugeordnet werden,) Das ist die eine Seite. Steffi bewahrt aber auch die anderen Stücke der Fotografien auf: die Reste, den Umraum, das was – zumindest bis jetzt – nicht zum Werk geworden ist. Auch das ist das, was bleibt.

Wenn sie mit Photographien arbeitet und besonders, wenn Menschen darauf abgebildet sind, wie hier in der Ausstellung, dann verbietet sich Steffi eigentlich das Zerschneiden, das Sie als Zerstörung begreift, als ob sie der abgebildeten Person damit Gewalt antäte. Zugleich möchte sie die Privatsphäre der Persönlichkeiten schützen, niemand soll hier seinen erkennbaren Großeltern begegnen. Das ist das Spannungsfeld, in dem Steffi sich bewegt; möglichst konkret und anschaulich, aber losgelöst von den individuellen Personen.

Deshalb nutzt sie verschiedene Wege der analogen Bildbearbeitung: Das Übermalen und sorgfältige Retouchieren zum Beispiel oder das Abdecken mit Schablonen und Überlagern mit Spinnwebpapier.

Hier in der Ausstellung sehen wir Arbeiten aus drei Werkgruppen, die diese unterschied-liche Strategien zeigen. Eine Nummer von vielen ist eine Serie an der Steffi ab 2010 gearbeitet hat. (Sie hängen im kleinen Galerieraum) Es sind kleine gerahmte Bilder, s/w Fotografien, die offensichtlich manipuliert wurden. 
Als Grundlage dienen Bilder, wie sie jeder kennt: konventionelle Fotografien, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurden. Bürgerliche Selbstgewissheit spricht aus den würdigen Posen der Männer und ein (angeborenes oder erlerntes?) Gefallen-wollen, aus der vorteilhaften Dreiviertelansicht mit übereinandergeschlagenen Beinen der Damen. Wir sehen klassische Geschlechter-Rollen und wir sehen Kinder, die eben diese Rollen wieder einüben, wie das Mädchen, das mit seiner Puppe spielt, ganz die Mama.

Steffi Grohs hat Teile dieser Bilder mit beigefarbener Acrylfarbe übermalt. Sie hat den Figuren die individuellen Züge genommen und ihnen den Hintergrund entzogen. Wir sehen kopflose Gestalten, isoliert im leeren Raum. An die Stelle des Gesichts wurde eine sechsstellige Nummer gestempelt.

Wir wissen, dass den Häftlingen im Konzentrationslagern des Nationalsozialismus sechsstellige Nummer zu gewissen wurden, mit denen sie sich, statt mit ihrem Namen melden mussten. In Auschwitz wurden diese Nummern sogar tätowiert.

Stefanie Grohs adressiert das Thema Holocaust hier nicht direkt. Nur über Umwege gelangt es in unser Bewusstsein. Es wird zugänglich, weil wir angesichts dieser kleinen und eigentlich hübschen Bilder nicht erschrecken und in Abwehr verfallen. Im Gegenteil, weil Steffi nichts direkt zeigt und vorführt, sondern nur die Assoziation ermöglicht, werden wir neugierig angezogen, beginnen genauer hinzusehen, staunen über die stille Präsenz der nicht gezeigten Figuren und beginnen zu rätseln. Dann dämmert es und stilles Entsetzen macht sich breit. Mir wird dann manchmal ein bisschen übel. Auch, wenn ich weiß, dass es fiktive Bilder sind.

Denn es sind nicht genau diese Menschen, die verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt wurden. Es sind fiktive Bilder. Es geht hier nicht um ein einzelnes, individuelles Schicksal. Thematisiert wird das Prinzip des Auslöschens. Wie skrupulös Steffi Grohs vorgeht, zeigt sich nicht zuletzt an den gestempelten Nummern. Sie sind alle leicht verwischt. Künstlich verwischt, wohlgemerkt, nicht etwa aus versehen. Keine Nummer soll lesbar sein und soll so einer realen Person zugeordnet werden. Steffi Grohs weiß, wo Grenzen sind.

Die beiden anderen Serien von Bildern, die Sie hier in der Ausstellung sehen, sind neueren Datums und in der Vorbereitung auf diese Ausstellung entstanden.

Sie sind vielleicht leichter zugänglich, spielerischer und weniger belastend. Vielleicht hängen sie deswegen jetzt auch nicht in der isolierten Kunst-Kabine, sondern hier im Wohnraum und in der Diele. Thematisiert wird auch hier „was bleibt“.

Mit Schablonen, die für das teilweise Ausbelichten von Fotografien verwendet wurden, lenkt Steffi Grohs unseren Blick wird auf unerwartete Details. Sie kennen das Bild von der Einladungskarte.

Wir ahnen, dass es ein Ganzkörperportrait gewesen ist. Was bleibt ist ein sinnlicher Einruck, die Idee einer Körpererfahrung, ein Licht in dem wir für einen Moment erkennen: Das ist das Leben. Es setzt sich aus all diesen kleinen Momenten und alltäglichen Erfahrungen zusammen.

Und dann sind da noch die Arbeiten mit Spinnwebpapier, das Stefanie über einige Bilder gelegt hat und das ich, um besser sehen zu können, immer wegwischen möchte. Aber so ist die Erinnerung oft: unscharf und nicht zu fassen.

Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, was Sie zuerst sehen und wie weit Sie sich den Themen stellen wollen. Sie müssen auch das, was ich benannt habe, gar nicht denken. 
Was Stefanie sich wünscht ist, dass Sie sich Zeit nehmen, sich die Sachen genau ansehen und auf sich wirken lassen. Ich kann Ihnen versprechen, dass es sich lohnt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Vroni Schwegler, Oktober 19

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